Marie NDiaye – Die Chefin

Eine Buchrezension von Barbara Ter-Nedden

Buch Roman 2009 habe ich die französische Autorin mit ihrem großen Roman „Drei starke Frauen“ kennengelernt. Sie wurde damit auch in Deutschland bekannt, bekam in ihrer Heimat den Prix Goncourt, die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs. Marie NDiaye ist Tochter einer französichen Lehrerin und eines Senegalesen. Als der konservative Nicolas Sarkozys 2007 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, zog sie aus Protest mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nach Berlin.

Diese politische Konsequenz legt sie auch literarisch an den Tag, in dem all ihre Bücher von stilistischer Unerbittlichkeit zeugen. Auch in ihrem neuen Roman zeigt sie sich uns als virtuose Stilistin. "Die Chefin" ist ein Roman über das Leben einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen, die mit 16 Jahren ihr außergewöhnliches Kochtalent entdeckt, ihre Leidenschaft für Lebensmittel und wie sie zur bekannten Sterneköchin und Besitzerin eines Restaurants aufsteigt.

Sie bedient sich einer rafinierten Technik des Erzählens: Ein Ich-Erzähler ihr Mitarbeiter, der sie abgöttisch verehrt und liebt schreibt ihre Biographie. Das Bild, das hier entsteht, ist somit ein Porträt, das viele Fragen offen lässt: War die Starköchin tatsächlich Analphabetin und kochte nur nach Intuition? War ihre bösartig rivalisierende Tochter wirklich Schuld am Ruin des Restaurants? Oder führt uns der Erzähler mit diesen Spuren in die Irre? Was das Ganze lebendig macht ist einerseits der ständige Dialog des Erzählers mit dem Leser als auch die wunderbar und sinnlich beschriebenen Speisen, die sie zubereitet. Man möchte sich geradezu mit dem Buch an den gedeckten Tisch setzen:

„Und sie erzählte mir jedes Mal in neuer Reihenfolge, was sie gekocht hatte, gebratene Ente mit Heidelbeersaft, frische Lachsravioli, Wildkaninchen-Confit, Fenchel- und Karottenfrikassee mit Lavendelhonig, mit Aubergine und Pistazien gefüllte Goldbrasse, Blumenkohl-Beignets an pikanter Sauce, gebratene Tauben mit Apfel und Rotkohl, Makrelen mit Knoblauch, gebratene Foie Gras-Scheibchen an einem Kompott von weißen Feigen.“

Guten Appetit!

(Barbara Ter-Nedden)