O. Sacks – Drachen, Doppelgänger und Dämonen

Eine Buchrezension von Felix Ter-Nedden

In diesem Frühjahr sind zwei interessante Sachbücher mit neurologischen Fallgeschichten erschienen. Das erste vom inzwischen vermutlich weltbekannten Neurologen Oliver Sacks.

Mit Büchern wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ oder „Der einarmige Pianist“ hat der amerikanische Professor sich in Deutschland eine große Fangemeinde erarbeitet. Auch in seinem neuen Buch „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ versteht Sacks es medizinische Fakten über Halluzinationen und individuelle Schicksale auf spannende Weise zu verbinden. Er thematisiert das Charles-Bonnet-Syndrom, das oft bei blinden Menschen ganz reale Halluzinationen von Menschenmengen hervorruft. Auch die vielfältigen Effekte von Migräneattacken und Epilepsien auf den menschlichen Wahrnehmungsapparat haben es ihm angetan. Ferner offenbart sich Oliver Sacks in seinem neuen Buch als Psychonaut, der über lange Zeit auf nicht ganz ungefährliche Art und Weise mit Drogen und Medikamenten experimentiert hat. So erzählt er ganz unaufgeregt unter anderem von einem voll durchlebten Delirium tremens in Folge von Absetzerscheinungen und von haarsträubenden Trips mit einem Parkinsonmedikament.

Mit diesen ganz persönlichen Episoden und den vielen individuellen Krankheitsgeschichten schafft der Autor es wieder einmal ein Sachbuch für alle zu schreiben, ohne auf intelektuelle Schärfe zu verzichten. Sehr empfehlenswert!

Ein zweites Sachbuch stammt von dem indischen Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran, der an der University of California unterrichtet. „Die Frau, die Töne sehen konnte“ heißt sein Buch, auch im Rowohlt Verlag erschienen. Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, denn Ramachandran erzählt wie Oliver Sacks von konkreten individuellen Schicksalen. So z.B. von einem Mann, der nach einem Schlaganfall nichts mehr für seine Ehefrau empfindet. Das rätselhafte Feld der Synästhesie interessiert ihn dabei besonders. Einen Unterschied zu Oliver Sacks gibt es aber doch: Ramachandran geht es letztlich um die neuronalen Prozesse und es stehen nicht die Personen mit ihren Lebensläufen im Vordergrund. Ferner geht Ramachandran immer von den konkreten Personen zu Fragestellungen aus der Philosophie des Geistes, allen voran zu der Frage „Was ist Bewusstsein?“.

Das zweite Buch ist grundsätzlich auch zu empfehlen, jedoch für alle die oben genannte Bücher von Oliver Sacks schon kennen redundant.

(Felix Ter-Nedden)